Mit dem InterConnex verschwand vor zehn Jahren das Fernzug-Monopol der Deutschen Bahn AG, nachdem bereits acht Jahre zuvor mit der Bahnreform von 1994 die Grundlagen geschaffen wurden. Sechs Linien werden heute im Fernverkehr von Privatunternehmen betrieben, ein siebter Betreiber steht hat seinen Markteinstieg angekündigt. Konkurrenz belebt das Geschäft, aber birgt die Liberalisierung auch Risiken?
Grundlagen
In Deutschland werden zwei Formen der Personenzüge grundsätzlich unterschieden:
Regional- bzw. Nahverkehre werden von den Bundesländern bezuschusst. Die Linien werden vorher von den Ländern festgelegt, um anschließend über eine Ausschreibung einen Betreiber für die nächsten Jahre festzulegen. Bekannte Regionalverkehrsprodukte sind RegionalExpress, Regionalbahn, S-Bahnen, Metronom, NordWestBahn…
Fernverkehre werden eigenwirtschaftlich betrieben, dementsprechend kann jedes Unternehmen seine Linien, Verkehrstage und -zeiten sowie Verkehrsdichte selbst festlegen. Dies gilt für die Deutsche Bahn AG (DB oder DB AG) genauso wie für ihre Konkurrenten. Beispiele für Fernverkehrsprodukte sind InterCity (IC), InterCityExpress (ICE) oder InterConnex. Wie sinnvoll diese Trennung ist, ist eine (lange) Diskussion für sich… Der Artikel beschäftigt sich nun fast auschließlich mit dem Fernverkehr.
Einleitung
Wer das Netz der privaten Fernverkehrsbetreiber ansieht, stellt fest, dass man die Verbindungen grob in zwei Kategorien sortieren kann. Ich werde sie direkte und indirekte Konkurrenz nennen.
“Direkte Konkurrenz” bedeutet, der Betreiber bietet keine neue Verbindung zwischen zwei Städten an, sondern nur zusätzliche Fahrten in Konkurrenz zu den bisherigen Anbietern. Beispiele hierfür sind der InterConnex, die österreichische WESTbahn und der Hamburg-Köln-Express (HKX).
Bei “indirekter Konkurrenz” wird primär eine neue Verbindung angeboten. Eine klassische Wettbewerbssituation zwischen mehreren Betreibern entsteht so allenfalls auf Teilstrecken. Zu indirekter Konkurrenz zähle ich den Vogtland-Express, den Harz-Berlin-Express und den Nachtzug Berlin-Night-Express.

Eigene Grafik: Die sechs existierende und die eine geplante privaten Fernverkehrslinien in Deutschland. Legende: Dunkelrot: HKX; gelb: MSM-Gruppe (geplant); hellblau: Harz-Berlin-Express (zwischen Vienenburg, Thale und Magdeburg als Regionalzug: Nicht alle Halte aufgeführt!); dunkelblau: InterConnex; orange: Berlin-Night-Express; dunkelgrün: Vogtland-Express (zwischen Plauen und Adorf als Regionalzug: Nicht alle Halte aufgeführt!). Grafik vergrößern
Wettbewerb als Chance?
Zunächst einmal bedeutet ein zusätzliches Angebot für den Kunden eine größere Auswahlmöglichkeit, seien es zusätzliche Verbindungen, neue Destinationen oder anderes Fahrzeugmaterial.
Der klassische Wettbewerb zwischen mehreren Unternehmen in direkter Konkurrenz zueinander wird in erster Linie über die Preise, den Service und das Fahrzeugmaterial ausgetragen, da die Geschwindigkeit durch das Schienennetz für alle gleich vorgegeben wird. Im Hinterkopf sollte man allerdings behalten, dass der Fixkostenanteil im Bahnbetrieb relativ hoch ist. Dies gibt der Preisgestaltung einen Rahmen. Durch die Konkurrenzsituation entsteht Druck auf die Bahnunternehmen, dass für den Kunden beste Angebot zu unterbreiten und gleichzeitig effizient zu arbeiten. Hier profitieren neue Anbieter auch von einer schlanken Unternehmensstruktur. Ergebnisse sind neue Fahrkartenangebote (erwähnt sei die Kilometerbank) oder neue Service-Ideen.
Indirekte Konkurrenten bieten in Deutschland dort Verbindungen an, wo es keine direkten Züge gibt. In der Regel hat sich dort die Deutsche Bahn vom Fernverkehr zurückgezogen hat. So hat die Georg Verkehrsorganisation den Nachtzug Berlin-Night-Express (Berlin – Malmö) direkt von der DB übernommen und betreibt ihn ursprünglich in Kooperation mit der schwedischen Staatsbahn, nach einer Neuordnung nun mit einer schwedischen Veolia-Tochter. Der Vogtland-Express wurde eingeführt, nachdem die DB sich mit ihrem Fernverkehrsangebot aus Chemnitz, Zwickau und Plauen zurückgezogen hat und der Harz-Berlin-Express füllt eine im Harz entstandene Fernverkehrslücke.
Letzteren beiden Angeboten gemein ist, dass sie eigentlich zu Regionalverkehrsanbietern gehören: Der Harz-Berlin-Express ist ein Angebot im Rahmen des Harz-Elbe-Expresses (HEX) des französischen Umweltdienstleisters Veolia, die eine Ausschreibung von Regionalzuglinien zwischen dem Nordharz und Magdeburg gewonnen haben. Der Vogtland-Express wird von der Vogtlandbahn betrieben, die ihrerseits in der gleichnamigen Region Regionalverkehrsnetze bei Ausschreibungen gewonnen hat. Beide Angebote sind im Prinzip eigenwirtschaftliche Verlängerungen von normalen Regionalzügen. Eingesetzt wird dementsprechend Fahrzeugmaterial, welches für den Regionalverkehr konzipiert und angeschafft wurde.
Es lässt sich also feststellen, dass indirekte Konkurrenz – also das Herstellen neuer Direktverbindungen – dann erfolgt, wenn die Risiken minimal sind, weil man sein bestehendes Angebot mit wenig Aufwand erweitert. Der Kunde darf sich dann über eine umsteigefreie Verbindung freuen.
Probleme des Wettbewerbs
Ein Problem heißt Rosinenpickerei. Dahinter steckt die Befürchtung, dass sich nur die direkte Konkurrenz durchsetzen wird, da sich langfristig alle Unternehmen auf ein profitables Hauptstreckennetz zurückziehen. Dieser Trend bestand zwar schon zu Zeiten bevor die Deutsche Bahn Konkurrenz bekam. Allerdings ist auch nicht ganz von der Hand zu weisen, dass ein durch Konkurrenz zurückgegangener Gewinn auf einer Hauptstrecke dazu führen wird, dass sich die Deutsche Bahn AG möglicherweise den schwachfrequentierten, aber strukturpolitische bedeutenden Fernverkehrszug in der „Fläche“ betriebswirtschaftlich weniger leisten können wird. Zumal in der Fläche noch mit dem subventionierten, oft ähnlich schnellen Regionalverkehr konkurriert werden muss. Es ist kein Geheimnis, dass die profitablen Hauptstreckenverbindungen, die abseitsliegenden InterCity-Verbindungen quersubventionieren.
Für Neueinsteiger wie die WESTbahn oder der HKX sind Hauptstrecken deswegen interessant, da nur hier das Fahrgastpotenzial für mehrere Betreiber ausreicht. Insbesondere die WESTbahn hat hohe Summen in neue Fahrzeuge investiert. Die Sinnlosigkeit, um Strecken zu konkurrieren, deren Potenzial nur für einen Anbieter ausreicht, erklärt sich durch das Risiko von selbst: Es erscheint sehr unwahrscheinlich, dass ein Neuanbieter die Marktmacht eines Platzhirsches brechen kann.
Zusammenfassend lautet die Kritik: Die hohen Opportunitätskosten des Betriebs auf einer zweitrangigen Strecken gegenüber dem Betrieb auf einer wichtigen Hauptstrecke, lassen schlussfolgern, dass sich langfristig alle Unternehmen bis zum Punkt des vollständigen Wettbewerb auf die Hauptstrecken konzentrieren werden.
Diesen skeptischen Argumenten steht gegenüber, dass der Trend zum Rückzug des Fernverkehrs aus der Fläche mit oder ohne Konkurrenz ohnehin schon im vollen Gange ist – meinen Beobachtungen nach in Deutschland sogar schon (fast) abgeschlossen. Um die strukturpolitische gewollte Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen aufrechtzuerhalten, kompensieren die Bundesländer den Wegfallenden Fernverkehr durch schnellen, subventionierten Regionalverkehren. Hier zeigt der Markt dem Staat die Grenzen seiner Möglichkeiten. Gleichzeit entstehen hin und wieder Lücken, die von indirekter Konkurrenz genutzt werden können.

Grafik: Tabelle mit wöchentlicher Fahrleistung der privaten Fernverkehrsunternehmen. Zum Vergleich: Die Jahresleistung an Trassenkilometern der DB Fernverkehr AG beträgt 135,4 Millionen tkm. Das sind in etwa 2,6 Millionen tkm/Woche. Quellen: Eigene Berechnung mithilfe des jeweiligen Fahrplans auf den Unternehmenshomepages und dem Trassenpreiskalkulator der DB Netz AG und der Geschäftsbericht der DB Fernverkehrs AG.
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Wettbewerb und Netzbildung
Betrachtet man das System Schienenpersonen(fern)verkehr als Ganzes, fällt unangenehm auf, dass die Tarife der im Markt aktiven Unternehmen nicht kompatibel sind. Dies ist in Deutschland aufgrund der wenigen privaten Fernverkehre kaum wahrnehmbar. Bei Zunahme der DB-Konkurrenz in diesem Marktsegment droht allerdings die Gefahr, regelmäßig für Umsteige-Verbindungen mehrere Fahrkarten zu benötigen. Dem Ziel, mehr Personen von aus den Autos in Züge zu locken, ist das nicht dienlich. Lösen könnte dieses Problem ein deutschlandweiter Standardtarif, der, neben den hauseigenen Angeboten, in allen Verkehrsunternehmen Gültigkeit hat.
Um bei der System-Betrachtung zu bleiben, muss auch darüber nachgedacht werden, inwieweit Kunden öffentlichen Personenverkehr als ein Gesamtsystem oder ein System aus vielen Einzelangeboten wahrnehmen. Nicht umsonst versuchen Großstädte mit ihren Verkehrsverbünden die Angebote im ÖPNV möglichst einheitlich erscheinen zu lassen, nicht umsonst ist der integrierte Taktfahrplan ein Erfolgsmodell. Um ein Gesamtsystem des öffentlichen Personenverkehrs herzustellen, bedarf es allerdings einer Koordinierung zwischen den beteiligten Akteuren in der Verkehrsbranche. Dies wäre der Beginn eines Deutschland-Verkehrsverbundes mit einer Fahrkarte für alle öffentlichen Personenverkehre. Es bedeutet aber auch, dass eigenwirtschaftliche, private Fernverkehre, die ein alternatives Angebot darstellen, die Ausnahme bleiben sollten, solange sie sich nicht in das Gesamtsystem einfügen.
Schlussbetrachtung
Es zeigt sich, dass direkte Konkurrenz für umsteigefreie Fahrten durchaus Vorteile hat, auf das Gesamtnetz bezogen aber ambivalent zu betrachten ist. Sollten mehr Unternehmen in den Markt einsteigen, so ist es im (umweltpolitischen) Interesse der Stärkung des Verkehrsträgers Schiene, die Angebote einen gewissen Rahmen zu setzen. Unabhängig davon kann aber jede Form der realisierten Verbindung in der indirekten Konkurrenz als Bereicherung für den Bahnkunden verstanden werden. In Großbritannien haben sich die Eisenbahnunternehmen freiwillig auf einen gemeinsamen Tarif geeinigt. Wie sich Konkurrenz auf das Fernverkehrsangebot abseits der Hauptstrecken auswirkt, muss im strukturpolitischen Interesse beobachtet werden. Möglicherweise wird sich hierbei die Politik eingestehen müssen, dass sich eigenwirtschaftlicher Fernverkehr in der Fläche nicht lohnt und dieser entsprechend in subventionierten Regionalverkehr der einzelnen Bundesländer umgewandelt wird, oder man wie in Schweden und Großbritannien ein Netz an subventionierten und regelmäßig ausgeschrieben Fernverkehrsverbindungen etabliert.
Anzumerken ist, dass die meisten privaten Fernverkehrsangebote erst seit wenigen Jahren bestehen oder zwischendurch in ihren Linienwegen geändert wurden. Einige Unternehmen haben sich auch schon wieder zurückgezogen.
(“Hauptstrecke” bezeichnet in dem Text nicht die in der EBO definierte Hauptbahn, sondern ist ein subjektiver Begriff, der die Bedeutung einer Strecke zwischen mehreren wichtigen Großstädten beschreibt.)